Politik für einen Augenblick

[von Nazdar Abdul-Rahim, 10 d, RSU Unterpfaffenhofen, veröffentlicht auf textspirit.de]

 

Es war doch eigentlich ein Tag wie immer. Der Fernseher war an und lief vor sich hin, ohne dass irgendjemand im Haus dem Gerät Beachtung schenkte. Nawida saß am Fenster und schaute über den Garten hinweg auf die leere Strasse, die von der Kälte bereits vereist war. Das erklärte vielleicht, warum keine Autos da waren. Ihre Mutter rief etwas, doch Nawidas Aufmerksamkeit war voll und ganz der Strasse gewidmet.

Diese Leere und Ruhe war einfach etwas, was sie genießen wollte, so still und ganz ohne Bedeutung. Sie atmete tief ein, diese frische Luft. Sie fühlte sich wohl in dem Moment. Es schien so, als ob nichts die Stille durchbrechen könnte, doch etwas tat es. Etwas störte das schöne Bild. „Am 13.05. tritt das Gesetz gegen…“, Nawida versuchte nicht hinzuhören. Wieder ein neues Gesetz, wen interessiert’s?! „…in Kraft. Viele Proteste scheiterten bereits im..“. Es ging weiter und dröhnte ihre in den Ohren. „Verdammte Nachrichte!“, war ihr erster Gedanke. Sie drehte sich vom offenen Fenster weg und starrte den Fernseher an oder das, was auf dem Fernseher zu sehen war. Die Nachrichtensprecherin schaute direkt in die Kamera mit ihren strahlend blaugrauen Augen und redete und redete, Die Hände über einigen Papieren verschränkt. Das Einzige was sich bewerte, war ihr Mund. Ab und zu auch mal ihr kunstvoll blondgelocktes Haar, welches ihr über die Schulter fiel. Eine Nachrichten-Barbie, wie sie es oft im Fernsehen sah. „Nichts als Make-Up und Haarspray“, schoss es Nawida durch den Kopf. Sie starrte weiterhin die Nachrichtensprecherin an, fasziniert und angeekelt zugleich. Jetzt fing sie an über einen Krieg in Afrika zu sprechen, dass viele Menschen gestorben sind, dass viele versucht haben vor den Anschlägen zu fliehen…vergeblich. Langsam strich sie sich durchs Haar und spielte mit einer Locke. Nachrichten die man täglich hörte, jeden Tag werden irgendwo Menschen getötet, gefoltert und erpresst, die in einem vermeintlich demokratischen Staat leben.

Jeder der in so einem Land lebte, verherrlichte das Wort Demokratie nach Außen hin, aber sie wussten ganz genau, dass dem nicht so ist. Jetzt wechselten die Nachrichten zu dem Leben eines Stars, der erst Vater geworden war. Nawida schüttelte den Kopf, „Was für ein Übergang“. Von Anschlägen zu einem Promivater. Stars, die sich im angeblichen Land der Träume alles erlauben können, solange sie genug Geld hatten, um sich diese Sonderrechte zu kaufen. „Gleiches Recht für alle!“, wieder schüttelte Nawida den Kopf, diesmal etwas stärker. „Warum denke ich überhaupt über so etwas nach?!“. Sie starrte immer noch den Fernseher an. „Weil es mich auch was angeht“, flüsterte sie langsam, ohne zu wissen, was gerade sagte. „Eigentlich interessiert mich das Ganze überhaut nicht!“. Aber jetzt dachte sie darüber nach, über Rechte und Politik. „Wo hatte ich schon mal was mit Demokratie zu tun oder auch nur ansatzweise mit etwas politischem?“.  Sie überlegte und nur verschwommen sah sie, was im Fernseher lief. Eine innere Stimme flüsterte leise und kaum verständlich, „Schule, …Klasse…“. Nawida wunderte sich über die zwei Worte. „ In der Schule…Schule und Demokratie?“ Diese zwei Dinge in Verbindung zu setzen, darauf war sie bisher noch nie gekommen. „Lehrer setzen doch sowieso das durch, was SIE wollen“. Erzürnt starrte sie auf das schwarze Sofa. Doch langsam kehrten Erinnerungen an die Zielbestimmung ihrer Wandertage. Da hat immer die Klasse entschieden und die Lehrer haben sich kaum eingemischt. Und so ungern Nawida es auch zugab, die inner Stimme hatte Recht. Sie dachte jetzt an Bundeskanzler und überraschender Weise zur gleichen Zeit an den Schulsprecher. „Was für ein lächerlicher Vergleich“, schoss es ihr durch den Kopf. „ Aber vielleicht…“, wieder diese unangenehme Stimme, „Gar nicht so lächerlich! Von den Bürgern gewählt, für die Bürger da, von den Schülern gewählt und für Schüler da!“. Nawida fühlte sich zu einem Lächeln gezwungen. Es war wohl doch keine so großer Unterschied dazwischen, wie sie dachte.


Wie ein kleines Kind freute sich Nawida über diese Erkenntnis und wunderte sich warum. Wieder fragte sie sich, warum sie überhaupt drüber nachdachte, warum sie auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwendete. „Es macht doch irgendwie Spaß“, sagte sie sich und starrte wieder auf den Fernseher. „Was könnte denn noch mit Schule vergleichbar sein?“, fragte sie sich leise und schmunzelte dabei. „Die Bundesminister“, sagte sie freudig vor sich und und kicherte dabei, ohne genau zu wissen was sie so lustig daran fand. „Nawida, hör auf mir die selbst zu reden. Ich will dich nicht zum Psychiater schicken müssen!“. Nawidas Vater stand mit verschränkten Armen im Türrahmen und schaute sie belustigt zu zugleich besorgt an. Etwas beschämt schaute Nawida ihrem Vater ins Gesicht. Sie lächelte und lief rot an. Ihre Eltern machten sich öfters Sorgen um sie, weil sie anfing, tief in Gedanken versunken mit sich selbst zu reden. „Wo war ich stehengeblieben?“, fragte sie sich selbst in Gedanken. „Bundesminister sind da für jeweilige Gebiete. Verkehr, etc…“. Nawida starrt im Zimmer umher ohne irgendetwas bestimmtes zu suchen. „…und Klassensprecher sind für die Klasse da.“ Plötzlich kam es ihr so vor, als ob sie sich in etwas hineinsteigern würde. Vorsichtig schob sie ihre rotblonden Haare hinters Ohr, packte ein Kissen und legte es sich in den Schoß. Einen Augenblick später stützt sie sich mit dem Ellenbogen darauf und schaute wieder fern. Diesmal etwas aufmerksamer. „…heute um 20.15 Uhr…“, Nawidas Augen weiteten sich, „Den Film wollte ich schon immer mal sehen!“ Strahlend stand sie auf, obwohl sie es sich gerade so gemütlich gemacht hatte. „Verdammt, dass muss ich Lara sagen!“ Sie rannte aus dem Wohnzimmer und durch den Flur direkt zum Zimmer ihrer Schwester. Sie stieß die Tür auf und schaut in das Gesicht der entgeisterten Lara. „ Rate mal welcher Film heute läuft?“. Aufgeregt schaute sie Lara weiter an. Für den Rest des Tages oder auch Monats denkt Nawida nicht mehr an das ach so komplizierte Thema Politik, Demokratie oder sonstiges in dieser Richtung. In zwei Jahren vielleicht, wenn sie 18 Jahre alt ist und ihre Stimme oder Meinung etwas wert ist. Und dann denkt sie vielleicht noch mal darüber nach.