Mein Leben als Lokführer
Freitag, 24. Juli 2009 um 20:03 Uhr

[Michael Pfenning, 9 a, RSU Unterpfaffenhofen, veröffentlicht auf textspirit.de]

Winterlich, kurz vor Feierabend. Noch schnell in meine letzten Bahnhöfe fahren. Meine gelben Zugleuchten durchdringen den dichten Nebel. Ich zittere vor Kälte und frage mich, wie lange ich diese eintönige Arbeit noch machen möchte. Schließlich könnte ich in einer gemütlichen Stube sitzen und Kindern das Lesen, Schreiben und Rechnen beibringen. Ja, ein Pädagoge möcht ich sein; den Beruf den ich schon immer ausüben wollte. Stattdessen muss ich diesen furchtbaren Qualm meiner Lok ertragen. Ich will doch nur mein Wissen an Kinder weitergeben. Doch ich bin schon zu alt und reif für die jungen Kinder von heute. Ja, an diesem Abend wurde mir klar, dass ich nicht die Arbeit verrichte die mir Spaß macht. Doch es ist zu spät, ihr denkt wahrscheinlich ich spinne, aber nach dreißig Jahren Lokführer stelle ich schweren Herzens fest, dass das Zug fahren nie meine eigentliche Leidenschaft war. Nun geht wieder so ein Arbeitstag wie jeden Tag zu Ende. Immer das gleiche, doch eigentlich müsste ich froh sein, denn andere haben doch überhaupt keine Arbeit und frieren bei diesen Temperaturen den ganzen Tag und ich rede hier um meine Leidenschaft dem „Belehren von Kindern“. Gleich werde ich daheim sein, wo meine Teuerste schon das Abendbrot gemacht hat, sie ist Hausfrau. Vielleicht wollte sie ja auch schon immer was anderes tun, als nur unsere Kinder großzuziehen. Mit einer nachdenklichen Miene und eiskalten Füßen beobachte ich die Schule, die direkt neben unserem Haus ist, die nur für Reiche gedacht war. Ich wollte aber immer den Armen auch eine Möglichkeit geben, Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen. Warum ist das Leben nur so ungerecht? Wer Geld hat bringt es weit im Leben, wer keines hat, wird sofort als Taugenichts abgestempelt. Bei mir war das damals ganz ähnlich. Hätte ich Geld gehabt, um mich richtig auszubilden, wäre ich vielleicht ein Pädagoge geworden und jetzt bin ich ein verbitterter alter Lokführer der von Bahnhof zu Bahnhof tuckert und unendlich lange Gleise beobachtet, die einfach nicht enden. Ich sehe meinen Atem in der Luft und beschließe nun endlich nach Hause zu gehen, meine Ehefrau wartet bestimmt schon. Wenn sie mich fragt, was ich denn heute so gemacht habe, muss ich ihr fast immer das Gleiche sagen. Was sollte ich ihr denn auch sagen, dass wir heute einen Fahrgast weniger hatten? Doch ihr Leben ist auch nicht spannender. Jeden Tag Wäsche waschen, kochen und putzen. Aber es könnte ja viel schlimmer sein, zum Beispiel wenn wir Geldsorgen hätten, sehr krank wären oder es unseren Kindern schlecht ginge. Man sollte daher immer mit dem zufrieden sein was man macht und wenn es eben nur der Beruf des Lokführers ist oder der, der Hausfrau. Denn das Wichtigste im Leben ist Gesundheit und Familie.

Deshalb werde ich bis zu meiner Pension durchhalten, um meinen Kindern das zu ermöglichen, was mir verwehrt geblieben ist.