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[von Amelie Hoffmann, 10 D, RSU Unterpfaffenhofen, veröffentlicht auf textspirit.de]
Die Umgebung in der ich Tag für Tag da lag war ruhig und angenehm. Trotzdem konnte sie sich auf einen Schlag verändern. Ich bekam jedes mal einen Schreck wenn sie herein gestürmt kam. Den Tränen schon nahe. Dann drehte sie die Musik so laut auf, dass es in meinen Ohren schmerzte. Ihr Name war Marie. Das war mir einmal aufgefallen als sie so vor sich hin redete. Sie hatte damals geschimpft über die Art und Weise wie ihre Mutter mit ihr sprach. Ich mochte es nicht mich in ihre Angelegenheiten einzumischen, aber hin und wieder überkam mich dieser Zwang ihr helfen zu wollen. Das waren die Momente in denen sie ihre Gedichte und Geschichten schrieb. Ich liebte das Gefühl der Nähe ihrer Hand auf meinen Seiten. Das Eintrocknen der Farbe ihres Stiftes. Zu verinnerlichen was sie zu sagen hatte, und so wie es schien niemand hören wollte, kam mir vor wie die einzige Weise ihr zu helfen. Diese Tag wollte ich nie missen. Doch es gab auch Tage, an denen sie weinte. Und wie bitterlich sie das tat. Jeder einzelne Schluchzer und Seufzer schnitt sich tief und tiefer in mein Herz und am liebsten hätte ich mit ihr geweint. An diesen Tagen rührte sie mich nicht an.
Sie legte sich auf ihr Bett und drückte ihr Kissen fest an sich. Sie rollte sich zusammen wie ein wie ein Fötus im Bauch der werdenden Mutter und versank in ihren Träumen und Streben nach Glück, Hoffnung und Geborgenheit. Man konnte genau spüren, dass sie die Liebe ihrer Eltern schon lange nicht mehr erfahren durfte. Ich hörte die beiden fast jeden Tag wie sie im Nebenzimmer stritten. Meistens über Belanglosigkeiten. Und an einem Abend, nicht weiter besonders, kam Marie wieder in unser Zimmer gestürmt. Sie weinte nicht. Ihr Anblick in diesem Zustand war mir Neu. Und nicht Angenehm. Ihre Augen, die sonst immer von Traurigkeit erfüllt und doch so liebevoll gewesen waren, hatten einen Blick der Leere angenommen. Jeglichen Ausdruck verloren. Sie griff sich die größte Tasche die sie hatte und schmiss alles hinein was sie zu fassen bekam. Dann kam sie auf mich zu. Nahm mich noch einmal in die Hand und strich über meinen einfachen blauen Einband mit den Worten:“Dich brauche ich jetzt nicht mehr.“ Sie legte mich behutsam auf den Schreibtisch zurück. In mir breitete sich ein Gefühl aus, das ich nicht kannte. Ich hatte einen Klos im Hals als sie die Zimmertüre hinter sich schloss und mich alleine im dunklen, leisen Nichts zurück lies. Mir kamen immer wieder die gleichen zwei Fragen in den Kopf. „Warum hat sie mich nicht mitgenommen? Wieso hat Marie gesagt sie brauche mich nicht mehr?“ Diese Gedanken füllten meinen Kopf. Und ich weiß nicht wie oft die Sonne auf und wieder unter ging. Erst als der letzte Funken meiner Hoffnung darauf, dass Marie doch wieder zurück kommen würde, erloschen war, machte sich die Traurigkeit in mir breit. Jede einzelne Seite war getränkt mit dem Gefühl unnützt zu sein. Unnützt in jeder Menschenhand außer der dieses einen Mädchens, namens Marie. Als nach vielen weiteren, ungezählten Tagen, Wochen, Monaten die Tür wieder geöffnet wurde und in mir mein Herz einen Freudensprung machte, da ich dachte es sei Marie, wurde mir klar, dass sie nie wieder zurückkommen würde. Denn es war nicht Marie die durch die Tür ins Zimmer trat. Es war die Mutter mit zwei Männern in grünen Uniformen. Die Männer sahen sich im Zimmer gründlich um und als sie mich erblickten und durchgeblättert hatten, drückten sie mich der Mutter in die Hand. Erst jetzt sah ich ihr von Trauer gezeichnetes Gesicht. Doch es erschreckte mich dass anstatt des Mitgefühls der Hass in mir aufstieg. Ich hasste sie. Dafür dass sie Marie dazu veranlasst hatte weg zu laufen.
Sie nahm sich alle Zeit der Welt um jedes Einzelne von Maries aufgeschriebenen Worten zu lesen. Des öfteren spürte ich eine ihrer Tränen auf meine Seiten fallen. Dass steigerte die Wut in mir. Es war eine Ungerechtigkeit gegenüber Marie für die sie sich nie Zeit genommen hatte, für die sie nie auch nur eine Träne geweint hatte. Der Hass und die Traurigkeit blieben. Sie wichen auch nicht dem Gefühl der Angst vor Unwissenheit als die Mutter mich eines Tages mitnahm. Ich wusste nicht wo es hin ging. Ich wurde verstaut und als ich wieder etwas sehen könnte befand ich mich an einem Ort, der mir zwar nicht geheuer war, aber mir eine seltsame Art von Trost schenkte. Maries Mutter nahm mich und legte mich auf einen Fleck Erde. Dort lagen schon Blumen und weitere Gegenstände wie Karte oder kleinen Kuscheltieren. Hinter diesen Dingen befand sich ein großer Stein aus weißem Marmor. Unter Maries Namen waren dort noch der Satz „Auf dass deine Worte nie vergessen werden mögen.“ eingraviert worden.
Und in diesem Gefühl der Unwissenheit und des Trostes wurde mir klar. Ich durfte hier bleiben. Direkt bei Marie und das für immer. |