Aus einer anderen Sicht in eine andere Welt
Sonntag, 23. November 2008 um 10:02 Uhr

[von Julia Dütsch, 10 e, RSU Unterpfaffenhofen, veröffentlicht auf textspirit.de]

 

Ich spüre wie meine ehemals weißen Seiten verblassen. Mit jedem weiteren Tag werden meine Gefühle aus mir gesogen und ich kann nur noch die Traurigkeit und das Schicksal meiner Geschichte spüren. Meine Geschichte ist traurig, aber es gibt auch immer Lichtpunkte – ich kann sie nur nicht mehr fühlen.

Ich weiß nicht wie lange ich hier schon liege, jeden Tag fallen irgendwelche nach Rauch riechenden Klamotten auf mich und manchmal werde ich einfach achtlos zur Seite geschoben. Meine Ecken sind verknickt obwohl ich erst einmal gelesen worden bin! Das muss man sich mal vorstellen, so etwas ist eine Schande für jedes Buch. Aber es muss doch auch einen Grund geben weshalb ich hier schon so lange liege?! Irgendwann wird sie mich lesen. Irgendwann.

Der Staub auf mir wird immer schwerer und ich bemerkte am Anfang gar nicht als mich plötzlich zwei warme, weiche Hände in die Hand nehmen und in eine Tasche stopfen. Was passiert hier? Wo bringt mich dieser Mensch hin? In der Tasche sind so viele Sachen die ich davor noch nie gesehen habe und ich registriere die Tatsache, dass ich alt geworden bin. Plötzlich öffnet sich die Tasche und ich spüre die Sonnenstrahlen auf dem Einband. Langsam erwache ich wieder zum „leben“. Ich ziehe die Wärme in meine Seiten auf. Ich schöpfe neue Hoffnung, dass ich jetzt vielleicht endlich gelesen werden würde und doch habe ich ein seltsames Gefühl. Ich habe schon oft Gruselgeschichten von Büchern gehört, die in so genannten Mülltonnen landeten und dann zerquetscht oder zerrissen wurden. Ein wahrhaft schmerzhafter Büchertod!
Doch ich wurde erstmal auf eine grüne Parkbank gelegt. Neugierig und mit neuem Mut nehme ich all die neuen Gerüche, Gedanken und Eindrücke in mir auf. Ich sehe erstaunt, wie sich das junge Mädchen eine Zigarette anzündet und sich schwarze Stöpsel in die Ohren steckt. Mir kommt das merkwürdig vor, vor allem weil aus dieses schwarzen Dingern laute Musik herauskommt. Doch ich kann nicht weiter damit beschäftigen, denn sie streicht mit ihren dünnen, langen Fingern den elendigen Staub von mir herunter und öffnet mich. Ich kann die gar nicht alle Gefühle beschreiben, die mich in diesem Moment durchströmen.
Ich fühle mich so glücklich wie noch nie, das Gefühl ist beinahe berauschend. Hätte ich ein Gesicht würde ich jetzt über beide Ohren strahlen! Das ich solche Emotionen habe war mir nicht bewusst. Schon oft habe ich mich gefragt ob ich überhaupt noch Freunde und Glück empfinden kann. Trotzdem holt mich die Skepsis ein, ob dieser wunderschöne Moment nicht doch nur ein Traum ist. Es ist so ein tolles Gefühl zu wissen nicht immer nur wertlos im Weg zu liegen, jetzt kann ich endlich das tun was für mich bestimmt ist. Ich kann ihr endlich meine Geschichte erzählen, ihre Gedanken und Gefühle formen.

Das Mädchen beginnt die ersten Zeilen zu lesen und mit jedem Wort und jeder Seite merke ich, wie ich meine Geschichte immer besser erzählen und beschreiben kann. Auch die schönen Erinnerungen in der Geschichte kommen wieder hervor. Sie ist gefesselt von mir und sie kann nichts anderes machen als weiter zu lesen. Allerdings wird es immer dunkler und schließlich muss sie sich beeilen nach Hause zu kommen. Ich kann mein Glück noch gar nicht fassen. Ich habe es in der langen Zeit nicht verlernt meine Geschichte zu erzählen. Der Rausch meiner Emotionen klingt langsam ab und ich kann mich wieder konzentrieren. Mein Bedürfnis weiter gelesen zu werden wächst und ich bin enttäuscht, als ich in der dunklen, engen Tasche bleiben muss. Einige Zeit vergeht und ich beginne mich zu fragen ob ich denn alles richtig gemacht habe. Im Prinzip bin ich nämlich noch ein Anfänger, ich existiere zwar schon lange aber ich wurde wie gesagt noch nicht oft gelesen. So habe ich hin und her überlegt, als ich plötzlich hart auf den Boden falle mit all den anderen Sachen. Verwirrt bemerke ich, wie mich das Mädchen auf einen roten Tisch legt und wieder mal überkommt mir die Angst im Müll zu landen. Doch kurze Zeit später ist mein Mensch wieder da und schlägt neugierig die zu letzt gelesene Seite auf. Ich bin in meinem Element und sie legt mich erst wieder zurück auf den Tisch als sie zu müde wird zum weiter lesen. In ihren Händen fühle ich mich so geborgen und habe jetzt wieder genügend Kraft und neue Ideen meine Geschichte zu erzählen, die Menschen zu beschreiben und ihre Schicksale zum Ausdruck zu bringen. Ich bin so damit beschäftigt, dass mir auf einmal auffällt dass wir schon auf der letzten Seite sind. Nachdem sie den letzten Satz gelesen hat und mich zuklappte, wurde mir bewusst wie lange es dauern könnte noch einmal gelesen zu werden. Also richte ich mich schon mal auf eine lange, einsame Wartezeit ein und versuche die schönen Momente und Gefühle in Erinnerung zu behalten. Aber zu meinem Erstaunen werde ich in die Tasche gesteckt und von den warmen, weichen Händen in rauere Hände gegeben, die mir das Gefühl geben mich zu beschützen.
Ich spüre, dass ich doch etwas Besonderes bin. Ich bin das Buch und manchmal lohnt es sich eben doch länger zu warten und geduldig zu sein. Wie konnte ich nur so viel Kraft und Energie verschwenden, indem ich dachte das meine Geschichte den Menschen nicht gefallen würde. Jetzt wird mir bewusst, dass dies total überflüssig war. Es ist schön zu wissen, dass sich die Menschen Zeit nehmen für sich, damit sie mich lesen können. So kann ich ihnen meine Welt offenbaren, eine andere Welt!
So begann ich meine Geschichte von neuem zu Erzählen.