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[von Nadja Lucia Rieger, 10 d, RSU Unterpfaffenhofen, veröffentlicht auf textspirit.de]
Und es war totenstill. Totenstill, bis auf das Brodeln, das aus dem Kessel da rechts in der Ecke kam. Und das war er. Der schwarze alte Kessel, dieses mürrische Ding. Er war es, den ich als meinen Untergang bezeichnete. Sogar auf zweie Arten. In ihm würde ich untergehen und zugleich war er es, der mich töten würde, mich zum Schmelzen, zum Zerfließen bringen würde. Bis ich schließlich nicht mehr da sein sollte. Oder vielleicht doch? Vielleicht, aber nicht mehr im Ganzen, denn ich würde in tausende und aber tausende kleinste Partikel zergehen, bis aus mir etwas Neues werden könnte. Aber etwas Anderes. Und genau das machte mir Angst, denn damit wäre auch ich etwas anderes. Nicht mehr der Ring der ich war. Aber vielleicht würde ich so ähnlich wie der Ring sein, der ich einmal gewesen sein würde. Die Vorstellung dass ich weg, aber doch anwesend sein würde, war schrecklich und mit jedem Mal mit dem der Kessel aufbrodelte, fuhr etwas durch mich hindurch. Genau einmal im Kreis durch mich hindurch. Und immer wieder kam dieser Kreislauf und immer wieder spürte ich die pure Angst. So nackt, wie ich es auch war. Mir wurde kalt, obwohl der Kessel doch solche Wärme ausstrahlte. Genauso kalt war es in mir drin, ich zitterte und wollte schreien. Die Frage was mit mir sein würde beschäftigte mich immer mehr und erkaltete mich immer wieder von neuem. Doch dann, ganz plötzlich, spürte ich auf einmal einen Hauch von Wärme und ich wollte weinen und schreien, weil ich plötzlich wieder einen so positiven Gedanken fasste. Denn ich erinnerte mich noch ganz genau an den ersten Tag meines Daseins. Es war wie ein Erwachen aus der Ohnmacht, in die ich doch gar nie gefallen war, als der Deckel meiner Schatulle aufging. Die Hand des Goldschmiedes nahm mich heraus und posierte mich in der Vitrine. Das erste, das ich von meiner Umgebung mit bekam war bestimmt eines. Es war pures Silber, um mich herum aufgereiht. Nur Silber und nichts anderes. Es erschreckte mich, denn ich war aus dem reinsten Gold, das man sich nur vorstellen kann. Gewonnen aus den Minen des tropischen Kenias, verarbeitet im edlen London und schließlich war ich, der Ring, hier gelandet, in der deutschen Provinz. Umgeben, von diesem Haufen von billigem Silber. Nun war es aber nicht so, dass wirklich ich etwas gegen diese grau glänzenden Kumpanen gehabt hätte. Es waren viel mehr sie, denn sie schienen mich zu hassen. Bei Tag blendeten sie mich, in dem sie mit ihrem hellen Glanz das Licht auf mich reflektierten und nachts fror ich zwischen all diesen kalten Farben. Aber es kam ein Tag, da sollte mich diese Kälte nicht mehr berühren und ich wachte auf, geweckt von Wärme. Einer Wärme, die mich den ganzen Hass in mir, den ich wegen dem Silber hatte, vergessen ließ. Plötzlich war ich voller Vorfreude, aber auf was? Ich blickte mich um und wollte hüpfen, kriegte dieses Lachen gar nicht mehr aus mir heraus. Obwohl ich ja gar nicht wusste weshalb. Und was ich dann wahrnahm, es hätte mich umgeworfen, wenn ich denn nicht schon gelegen wäre. Es war sie. Sie? Ja, es war sozusagen eine Ringin. Meine Ringin. Sie war die feminine Komponente zu meinem Dasein. Denn sie war diejenige, die wenn ich gekauft wurde mit mir getragen und, so wie ich an den Gatten, an die Ehefrau gelangen würde. So würden wir beide an den Händen des Paares die Welt kennenlernen. Sie lag also da, neben mir, und mit einem Mal konnte mir das ganze Silber nichts mehr anhaben. Es war, als wären wir von einem Schutzwall umgeben, der jedoch erst bei der Vollständigkeit unseres Paares in Kraft treten konnte. Und es war, als würde ich zum ersten Mal, in dem was ich bin, so etwas wie Freude empfinden. Aber so wie auch das Leben bei einem Menschen traurig sein konnte, so sollte auch mein Glück vergänglich sein und es verschwand nach 16 Nächten in der Vitrine. Es war ein sonniger Tag, als das Pärchen den Juwelier aufsuchte. Sie waren zwei junge Menschen, noch voller Elan und einer gewissen Leidenschaft, die man wahrnahm, wenn man sie ansah. Die Silberringe waren wieder einmal bei dem Versuch mich zu blenden, als die Menschen vor unserer Vitrine traten. Plötzlich leuchtete nichts mehr, bis auf diese Augen der Frau, die hinreißend auf meine Ringin blickte. Es war als hingen dort oben zwei Sterne, die die Nacht erleuchten wollten. Doch es war ein gewöhnlicher Tag, eigentlich wie jeder anderer, aber eben doch anders. Heute sollte es soweit sein, denn die Dame zögerte keinen Moment und auch ihr Bräutigam konnte bei meinem Anblick nicht warten und sie kauften uns. So wanderten wir Ringe gemeinsam in eine weinrote Schatulle. Außen war sie mit Samt besetzt und innen lagen wir auf Seide. Viel weicher war es als in der elendigen Vitrine, diesem kalten Glashaus. Doch die Logik, wo sollte die nun stecken? Sollte dieses durchsichtige Harte, was es auch sein sollte, nicht angeblich der Erwärmung dienen? Schimpfen sie nicht immer von diesem Graus, der alles zerstöre? So frage ich mich, wo soll diese Wärme sein, dieses folgende Glück? Auf dem weichen Stoffe, selbst in der Dunkelheit war die Temperatur um Milliarden Mal höher. Mit jeder Sekunde vergaß ich diese Unbehaglichkeit und sie wich der puren Lust. Das Temperament der Ringin umfasste mich und es war als feierten wir Feste. Tag und Nacht. Ich wollte dir Ringin nie mehr verlassen, nie mehr missen. Weitere 12 Nächte verharrten wir so, bis wir herausgeholt und nach irgendwelchen treueschwörenden Phrasen der beiden endlich angelegt wurden. In all dieser vorangegangenen Zeit in der Vitrine war ich leer und unglücklich. Hatte es schon damals gewusst, und voller Angst gezittert. Bestimmt. So wie Nostradamus, war ich der zukunftswissende Ring gewesen? Habe ohne zu wissen gewusst, was ich jetzt erst wahrhaftig wissen würde. So wartete ich auf dieses bevorstehende Ereignis, diese Trennung. Ich sollte von meiner Ringin getrennt werden und es schmerzte. Hatte ich sie doch erst vor 28 Nächten gewonnen, musste ich sie nun schon wieder verlieren. So dachte ich, würde ich von nun an leiden, doch es kam letztlich vollkommen anders. Ich war gekauft, wurde getragen, war glücklich. Nicht so wie das Glück neben der Ringin in der Vitrine zu liegen, aber auch nicht schlimmer. Nur anders. Aber es war schön und ich genoss es zusammen mit meinem Träger, seiner Frau und, schließlich doch, meiner Ringin zu sein. Zuerst verreisten wir in die Flitterwochen, so nannten sie es. Es war ganz anders als da, wo wir sonst waren. So warm und schön hell. Es gab andere Menschen. Sie waren dunkler als die Träger. So wie wir Ringe in gewissem Sinne dunkler als die Silbernen waren. So fremd es doch war, erschien in mir trotzdem eine Weise von Spaß. Daran, im warmen Sand zu liegen, umgeben von tausendsten kleinsten Körnchen die mich alle lächeln ließen. Sie kitzelten mich wenn die Hand durchfasste. Und nass wurde ich, doch erschreckend bitter schmeckte es, als ich in dieses flüssige Salz gehalten wurde. Doch war es schön, nicht wie immer. Aber bald sollte ich schon merken, dass der Alltag beginnen würde. Ich wurde fünf Mal in sieben Tagen in ein Büro getragen, während meine Ringin mit ihrer Trägerin zu Hause blieb. Sie wurde oft nass, denn die Gattin war Hausfrau und putze und kochte viel. Es ging mir gut, bis ich irgendwann merken sollte, dass es ewig so weitergehen würde. Es wurde langweilig denn alles blieb gleich. Das Büro, der Esstisch, abends die Couch und später das Bett. Jeden Tag war es so. Doch als ich mich gerade an diese ständigen Wiederholung gewöhnt hatte, und es mir sogar beginn zu gefallen, kam die schlagartige Veränderung. Und diesmal haute es mich wirklich um, denn eines Nacht legte der Mann mich ab. Er verschwand mit einer Frau in einem Zimmer. Ich spürte eine Art von Zuneigung zwischen ihnen. Es war nicht die Trägerin der Ringin. So lag ich da und wartete. Hoffte, und bangte. Als er nach langer Zeit wieder aus dem Raum kam nahm er und setzte mich wieder auf seinen Finger. Schreien wollte ich. Verspürte Hass, doch wusste ich nicht warum. Ich verstand es nicht. Was tat er da? Das Einzige, das ich wusste war, dass er etwas getan, das mit Liebe zu tun hatte. Mit diesem Gefühl von dem sie gesprochen hatten, als sie uns das erste Mal angelegt hatten. Und er hatte es nicht mit seiner Frau getan, dieses Gefühl, diese Liebe. Und als er mich abnahm, hatte er auch mich betrogen. Ich dachte er hätte mich gemocht, aber was war das? Schließlich mochte ich ihn doch auch und in mir zog es sich zusammen. Ich versuchte dieses zu unterdrücken und sagte mir, dass es aufhören würde und er wieder mir und seiner Frau und der Ringin treu bleiben würde. Es blieb nicht bei diesem einen Mal. Es wurde mehr, mehr und mehr. Und irgendwann erfuhr es seine Frau. Er nahm mich, nein, riss mich herunter und warf mich weg. Verachtung. Als wäre ich ihm nie etwas wert gewesen. Ich war doch der Ring, den er gewollt hatte. Wo war die Freude geblieben, die er auf mich projiziert hatte? Die ich sogar schon, auf der Seide mit der Ringin, zusammen gespürt hatte. Es sollte zurückgehen. Die Zeit würde sich wenden. Bald landete ich wieder in der roten Schatulle und als auf einmal die Ringin neben mir erschien, war es soweit und ich erfuhr es. Trennung, Scheidung, Tod. Mein Tod. Die Ringin würde weiterleben, an irgendeiner anderen Hand einer fremden Person, nur der Gatte wollte mich hergeben, um meinen Wert zu erlangen. Wie konnte man mir so etwas antun. Diese Scheidung, wie als ob er mich einfach abschnitt. Mein Herz, Leben, Können zerriss. Schmerz war das einzige, was bleiben sollte. So ist es, wie es ist. So war es, wie es war. Ich lag dort alleine und dann ging die Tür plötzlich auf. Der Goldschmied stand vor mir, schaute mich an und ich konnte keinen Gedanken mehr zu Ende bringen, da hatte er mich schon in den Kessel geworfen. Es war warm, aber in mir blieb es kalt. Da war keine Spur von Glück und diese Hitze hatte nichts mehr mit der Wärme zu tun, die ich damals verspürte als meine Ringin zu mir kam. Es wurde heißer und ich bemerkte wie ich begann zu zerschmelzen. Zunächst nur die eine Hälfte von mir, aber schon sehr bald war ich als Ganzes ein wankendes Ding. Ich wurde immer weicher bis ich flüssig war. Mit den letzten Gedanken und Gefühlen merkte ich nur noch, wie der Juwelier plötzlich einen weiteren Ring zu mir warf. Das was ich jetzt noch wahrnahm, dieser Blick nach oben, war der schönste in meinem halben vollendeten Dasein. Meine Ringin. Das Gold konnte man nicht übersehen und mit einem Mal war ich glücklich. Die elende Hitze wurde das pure Glück. Und so zerfloss ich und war nicht mehr der Ring. Ich war fast nichts. So wie sie. Und als alles vergessen war, die ganze Langeweile und all der Hass den wir von den Trägern gespürt hatten, da waren wir nicht mehr zerflossen sondern bereits fest geworden, zu Einem. Wir waren glücklich, wir waren vereint. |