50 € wert
Mittwoch, 26. November 2008 um 17:43 Uhr

[von Lisa Hecht, 10 e, RSU Unterpfaffenhofen, veröffentlicht auf textspirit.de]

An einem warmen Herbsttag schlenderte ein junges modisch gekleidetes Mädchen durch die mit Designerläden bebaute Maximilliamstraße. Sie war auf der Suche nach einem neuen Outfit. In der Handtasche ihr Blackberry und den mit Geldscheinen prall gefüllten Geldbeutel ging sie in den Laden Louis Vitton. Sie sah sich um, nahm sich schwarze Pumps und zog sie an. Sie passten wie angegosssen und da sie nicht mehr fand, was ihr gefiel, ging sie zur Kasse und zahlte.
Als der Geldbeutel geöffnet wurde blendete mich das Licht. Ich war 50 Euro wert, nicht gerade der Betrag, den man in einem solchen Bonzenladen ausgeben würde, dachte ich. Und doch hoffte ich, das mit mir gezahlt werden würde, denn dieses Mädchen ging nicht sorgsam mit mir um. Manchmal warf sie mich ziemlich grob in ein Glas oder auf den Schreibtisch und ständig wurde ich von meinen Freunden getrennt! Das machte mich sehr traurig, ja sogar wütend! Dieser Geldbeutel war alles andere als bequem, ich musste hier raus. Zu meiner großen Verblüffung packte sie mich an einer Ecke und zerrte mich hinaus in das grelle Licht. Wenig sanft wurde ich in die Kasse gestopft, wo es stock dunkel war. Ein Gewirr aus Stimmen empfing mich und ein Schein zu meiner Linken weinte bitterlich. Ich fragte ihn, wieso er weine, doch er schüttelte nur den Kopf und schluchtzte weiter. Daraufhin sah ich, dass er vor Schmerz weinte, ihm fehlte eine ganze Ecke, sein rechter Fuß. Mitleidig sah ich ihn an. Zwei Stunden war ich jetzt schon in diesem Kasten, bis er sich plötzlich wieder öffnete und ich und der zuvor weinende Geldschein herausgezogen wurden. Ich war froh und hoffte auf ein bequemeres Bett, einen komfortableren Geldbeutel. Ich wurde einer bildhübschen Frau in die Hand gedrückt, die seidig weiche Hände hatte. Mir gefiel ihr langes dunkelbraun gelocktes Haar und als ich sah wie groß ihr Geldbeutel war und wie er im Innenleben mit grünem Samt ausgebettet war, war ich überglücklich und wusste, dort wollte ich immer bleiben. Als der Geldbeutel wenig später geöffnet in der Wohnung lag, schlüpfte ich schnell hinaus und versteckte mich zwischen den Polstern der Couch. Dort fühlte ich mich wohl und sicher. Es war ein beruhigendes Gefühl zu wissen, dass man diesen Ort nie wieder verlassen würde. Und doch musste ich an den wunderschönen, bequemen Geldbeutel denken und es versetzte mir einen kleinen Stich. Doch da mischte sich noch ein anderes Gefühl mit ein, der Triumph über meine gelungene Flucht! Und in der Hoffnung, nie entdeckt und weiter gequält zu werden, schlief ich seelenruhig ein.