Die verhängnisvolle Neugierde des Babys
Mittwoch, 26. November 2008 um 22:36 Uhr

[Christina Aechtner, 9 d, RSU Unterpfaffenhofen, veröffentlicht auf textspirit.de]

Letzte Woche war es soweit. Ich musste meine enge Einzimmerwohnung verlassen. Meine Mutter hielt mich mit Tränen in den Augen in der Hand. Ich weiß noch genau, wie alle um mich herum standen und aufgeregt durcheinander riefen. Warum sie das taten wusste ich nicht. Schließlich bin ich ja auch nur ein Mensch.
Gerade liege ich in meinem kuscheligen Bettchen und starre die mit gelben Sternen verzierrte Decke an. Immer wieder kam meine Mutter ins Zimmer und schaute, ob alles in Ordnung wäre. Vor Kurzem bemerkte ich, dass ich auch noch eine größere Schwester hatte. Sie hatte lange, blonde Haare, die mich faszinierten. Ich hingegen war stolz darauf das ich letztens mein erstes Haar bekam. Der Alltag wiederholte sich meistens. Ich wache erst am späten Mittag auf, brülle, da ich ein quälendes Hungergefühl bekomme, werde ich mit Brei gefüttert, spiele ein bisschen und gehe wieder schlafen. Zwischendurch schreie ich auch mal, wenn ich so ein nasses Gefühl in meiner Hose bekomme. Eines Tages fing ich an zu krabbeln. Dann fühlte ich mich nicht mehr so schwach und müde. Ich wollte mehr als mein leeres Zimmer sehen, wissen was sich hinter den gewaltigen, weißen Wänden befindet. Also übte ich mich mit Händen und Füßen fortzubewegen. Dauernd entdeckte ich etwas Neues.Heute krabbelte ich wie immer durch die ganze Wohnung und erforschte das weiße Stückchen, das von dem hölzernen Tisch herunterhing. Vorsichtig stemmte ich mich auf den gepolzterten Stuhl und fing an mich zu strecken. Als ich es packte, zog ich mit einem Ruck daran.
Aufeinmal kamen mir Teller und eine Vase entgegen. Ein Teller flog auf mein Bein und ich spürte ein stechenden Schmerz. Ich fing an zu schreien. Das restliche Porzelan zerbrach neben mir. Es klirrte neben meinen Ohren. Besorgt rannte meine Mutter auf mich zu und tröstete mich. Danach legte sie mich schlafen. Meine Neugier wuchs und irgendwann wurde mir auch die gesamte Wohnung zu klein. Ich wollte immer mehr sehen. Etwas anderes hören und spüren. Da kam mir die offen stehen gelassene Tür, die nach draußen führte und von meiner Schwester nicht geschlossen wurde, gerade recht. Schnell und unbemerkt krabbelte ich ins Freie. Ich spürte den nassen, steinigen Untergrund unter meinen Händen. Schwere Wassertropfen prasselten auf meinen Kopf. Der Wind blies mir ins Gesicht und ließ mich anfangen zu zittern. Trotzdem entschied ich, weiter zu erkunden. Ich sah riesige Bäume, die mit grünen Blättern verziert waren. Auch wie meine Spielzeugautos aussehende Fahrzeuge rasten mit quietschenden Reifen über die endlosen Straßen. Ich sah Menschen mit anderen Hautfarben. Das es so viel zu erforschen gab, hätte ich nicht gedacht. Langsam spürte ich meine Hände nicht mehr und ich wurde müde. Plötzlich sah ich mich um und erschrak. Wo war ich? Wo war unsere Wohnung? Ich war immer weiter gekrabbelt und landete hier. Auf einer mit Spielzeugautos überfüllten Straße. Ich hörte den Lärm der Autos, die links an mir vorbei brausten. Die Leute in den Autos starrten mich mit großen Augen an und hupten. Der Krach wurde mir zu viel. Ich bekam Angst. Schließlich beschloss ich mich hinzusetzen. Meine Augen wurden schwer und fielen allmählich zu. Ich schlief ein. Nach einer Weile weckte mich ein ohrenbetäubender Knall. Ich erschrak. Vor meinen noch recht müden Augen fuhr ein rotes Auto in einen vollbeladenen Lastwagen. So etwas spielte ich immer auf meinem Teppichboden mit meinen Spielzeugautos. Doch das so etwas auch in Wirklichkeit passieren kann, wusste ich nicht. Die Menschen in den Autos schrien und schauten mich entsetzt an. Was war los? Warum schauten mich alle an? Dann erst bemerkte ich, dass der Laster anfing zu kippen. Die Ladung klopfte mit einem lauten Poltern gegen die Innenwände. Der Lastwagen kam immer näher. Was sollte ich nur tun? Ich versuchte mich zubewegen, doch ich war wie gelähmt. Ich presste meine kalten Hände auf meine Augen. Ein Windstoß fuhr durch meine drei Haare. Ein explosionsartiger Knall ertönte. Totenstille. Vorsichtig öffnete ich meine Augen und ließ meine Hände sinken. Der Laster kam einen Meter vor mir zum liegen. Mein Herz klopfte wie wild. Mein ganzer Körper zitterte. Die Neugier die Welt zu entdecken verschwand in mir. Schreiend hörte ich meine Mutter auf mich zu rennen. Ihr kullerten die Tränen über ihre Wangen. Vorsichtig hob sie mich vom nassen und kalten Boden hoch und trug mich nach Hause.
Ich hörte wie ein Krankenwagen mit einem lauten Ton an meiner Mutter und mir vorbei schnellte. Diese Melodie kannte ich nur aus meinen Zeichentrickserien. "Tatütata" erklang noch einmal. Als wir zuhause waren, erblickte ich die Wohnung einmal ganz anders. Sie war sicher. Ich fühlte mich wohl. Die Zeit verging und ich wuchs langsam aber sicher heran. Doch der Schock wird in meinem ganzen Leben tief in mir sitzen bleiben. Jedes Mal wenn ich Lastwagen quietschend um die Ecke biegen sehe, kommt mir das schreckliche Erlebnis von damals wieder in den Sinn, als ich um haaresbreite von einem Laster erschlagen wurde.