Das Glück der Pferde ist der Reiter auf der Erde, oder doch nicht?
Montag, 05. Januar 2009 um 12:42 Uhr

[Katrin Pielmeier, 9 d, RSU Unterpfaffenhofen, veröffentlicht auf textspirit.de]

Der Tau umhüllte das Gras, dass ich mit meinem weichen Maul abrupfte und genüsslich fraß. Alle anderen Pferde auf unserer gemeinsamen Weide schliefen noch. „Welches Glück habe ich, auf so einer schönen Wiese mit tollen Spielkameraden zu hausen?!“, dachte ich mir und erinnerte mich an die vielen Tage, an denen wir über die Koppel gejagt sind. Nach kurzer Zeit schaute ich auf, um meine Kameraden aufzuwecken. Ich tat einen Schritt nach vorne. Krach! Mein Bein knallte mit voller Wucht gegen hartes Holz. Ich erschrak, riss denn Kopf hoch und drehte die Augen weiß. Es war dunkel und überall Eisengitter und Holz. Ich kniff meine Augen zu und schüttelte heftig den Kopf. „Der Traum muss jetzt enden – sofort!“, schrie ich mir innerlich zu. Die kühle Luft die ich einatmete roch modrig nach Pferdemist. Ich begriff – es war kein schlechter Traum. Am Tag zuvor wurde ich an Barbette verkauft. Anna, meine alte Besitzerin musste wegen ihrer neuen Arbeitsstelle umziehen und konnte mich nicht mitnehmen, da sie keinen geeigneten Stall gefunden hat. Ich ließ meinen Kopf fallen. Die Traurigkeit stieg in mir auf. Von weitem hörte ich schnelle Schritte, doch ich wollte sie nicht wahrnehmen.  Licht erhellte  den Stall, aber es konnte nicht gegen die verdreckten Wände ankommen. Weitere Schritte kamen dazu. „Ich habe gehört, dass du dir ein neues Pferd gekauft hast.“, hörte ich eine junge Stimme. „Ja, es ist so ein koppelverwöhntes hübsches Ding“, hörte ich eine andere raue Stimme – die von Barbette. Wer ist nur die andere junge Stimme? Warum nennt mich Barbette ein ‚koppelverwöhntes hübsches Ding’? Was wird mit mir passieren?“ Fragen über Fragen pochten in meinem Kopf. Die Beiden kamen auf mich zu. Ich versuchte meinen Kopf zu heben, doch schon jetzt hatte mich meine Lebenslust verloren. Ein kleiner Kopf mit blonden Haaren schaute über die Boxentür, daneben Barbette. Eine Trense hing über ihre Schulter, ihre Arme waren vor der Brust verschränkt. „Darf ich ihn mal Streicheln?!“, fragte das Mädchen und ihre Augen funkelten mich mit ein bisschen Hoffnung an. „Nein, es ist besser, wenn du das lässt. Er ist sehr störrisch und beißt dich vielleicht noch“, antwortete Barbette mit einem bösen Blick auf mich gerichtet. „Ich glaube nicht, dass er mir was zuleide tut.“, kam traurig von dem Mädchen. Von wegen beißen und störrisch sein. Ich wäre froh gewesen, wenn sie mich ein wenig liebkost hätte. Barbette öffnete mit einer schnellen Bewegung die Tür, kam auf mich zu und drückte mir das scharfe Gebiss ins Maul. Es schmerzte fürchterlich. Meine Blicke trafen auf die silbernen Dinger, an ihren Füßen. Ich glaube die Menschen nannten sie Sporen. Diese Dinge waren mir völlig fremd. Anna hatte diesen ganzen Kram nicht benutzt. Barbette nahm die Zügel und zerrte mich aus der Box.

Unterwegs blieben wir kurz stehen und sie schmiss mir einen unangenehm drückenden Sattel auf den Rücken. Langsam trotte ich ihr hinterher. In der Reithalle angekommen, schwang sie sich auf meinen Rücken, dass ich glaubte, meine Beine würden zusammenbrechen. Ich riss meinen Kopf schmerzhaft nach oben und machte meinen Rücken steif. Im selben Moment drückte sie mir die Sporen so heftig in den Bauch, dass ich erschrocken los buckelte. Jetzt zog sie mit ihrer ganzen Kraft an den Zügeln. Und sie hatte viel zu viel Kraft. Dass Gebiss schnitt mir ins Mault, die Sporen in den Bauch. Abrupt blieb ich stehen, merkte dabei, wie das Gewicht von Barbette nach vorne viel, setzte an und ging vorne in die Luft. „Ich muss sie loswerden“, war mein einziger Gedanke. Es gelang mir. Mit einem lauten Schrei rutschte Barbette hinunter und prallte unsanft auf. Jetzt stieg große Panik in mir auf. Ich rannte wie von Teufel gejagt durch die große Halle. Mein Bauch schmerzte schrecklich. Als ich nacht hinten schaute, sah ich, wie das Blut langsam aus den Wunden von den Sporen lief.  Plötzlich wurde es dunkel. Ich vermutete, Barbette hatte mir eine Jacke über den Kopf gezogen. Sie zog an den Zügeln und ich musste ihr blind folgen. Mit unsicheren Tritten hörte ich, wie ich auf eine Rampe ging. Als mir das dunkle Tuch weggemacht wurde, sah ich, wie ich in einem großen Transporter stand. Es fuhr mir kalt über den Rücken. Wo sollte die Reise hingehen? Ich redete mir ein, dass sie mich persönlich zu Anna bringt. Kurz darauf öffnete sich die Tür und ich wurde auf einen großen, leeren, kalten Hof geführt. Ist das mein neues Zuhause? Ein kräftiger Mann kam auf uns zu uns schüttelte Barbette die Hand. „Und diese Pracht wollen sie abgeben“, fragte der Mann mit tiefer Stimme. „Ja, er ist schrecklich. Er buckelt und weigert sich gegen alles. Bitte nehmen sie ihn!“, hörte ich mit böser Stimme von Barbette. Ich und schrecklich. Eher sie! „Tut mir Leid, aber den könnten sie doch bestimmt verkaufen?“, sagte der Mann mit entsetzter Stimme. „Nein, sehen sie nicht? Er hat Wunden am Bauch!“, antwortete Barbette lächerlich. Ich schaut den Mann mit traurigen Augen an und ich hoffte er versteht meine Botschaft.

Nach längerem Überlegen, gab er Barbette die Hand und nahm meinen Führstrick. „Es freut mich, dass sie ein vernünftiger Schlachter sind“, antwortete Barbette zufrieden. Schlachter? Mich riss aus meiner Trance. Womit hatte ich das nur verdient? Plötzlich hatte ich so große Angst, das ich anfing, nervös zu tänzeln. „Schsch, alles wird gut mein Kleiner!“, flüsterte mir der Mann ins Ohr. Oh nein, nichts wird gut. Und schon wurde mir wieder ein schwarzes Tuch über die Augen gebunden. Ich hätte sterben können vor Angst. Gleich wird mein Leben ein Ende nehmen. Dann hörte ich wieder das betreten einer Rampe. Diesmal blieb es dunkel. War das schon wieder ein Traum? Als ich sah, wo ich war, glaubte ich bereits im Himmel zu sein. Ich schaut mich verwundert um, denn ich stand auf meiner alten Wiese, mit meinen Freunden und meiner Schlafecke, entweder ein Traum oder der Himmel. Doch als das eine, gleiche blondhaarige Mädchen, wie das bei Barbette um die Ecke kam, kam ich zum überlegen. Was passierte hier eigentlich? „Nicht zu stürmisch Louisa! Er kennt dich doch noch gar nicht!“, sagte ein Mann den ich schon mal irgendwo gesehen habe, sein Gesicht aber noch nicht so genau erkennen konnte. „Oh doch, wir kennen uns schon!“, rief Louisa zu dem Mann. Und ob wir uns kennen. Ich wieherte ihr freudig entgegen und kam auf sie zu. „Du bist der beste Onkel der Welt!“, sagte sie mit einem breiten Grinsen auf den Lippen zu dem Mann, der näher kam. Jetzt erkannte ich den Mann. Es war der Schlachter!